Seltene und gefährdete Blumen: Wie Saatgutbanken Wildsamen sammeln und lagern
- Eine Saatgutbank bewahrt Wildpflanzensamen außerhalb des Standorts auf und ergänzt so den Schutz der Pflanzen an ihren natürlichen Wuchsorten.
- Die Dahlemer Saatgutbank entnimmt bei Wildsammlungen höchstens 20 % der zum Erntezeitpunkt verfügbaren Samenmenge.
- Das Zürcher Verfahren lagert getrocknete Samen bei −20 °C, geeignet sind dafür nur orthodoxe, also austrocknungsresistente Samen.
- Am IPK werden Gewebeproben zur Kryokonservierung in flüssigem Stickstoff bei −196 °C gelagert.
- Die Kornrade steht in Kategorie 2 der Roten Liste Deutschlands, ihre Samen bleiben im Boden nur wenige Monate keimfähig.
- Die Dahlemer Saatgutbank gibt kein Saatgut an Privatpersonen ab.

Am Rand meines Gemüsegartens säe ich jedes Jahr einen Streifen Ackerblumen: Kornrade, Kornblume, Kamille und Klatschmohn auf frisch gehackten Boden. Bei der Kornrade schaue ich genauer hin. Aus vielen Getreidefeldern ist sie verdrängt worden, und ihre Samen bleiben im Boden nur wenige Monate keimfähig. Für solche Arten gibt es Saatgutbanken: Sie sammeln Samen am Wildstandort, dokumentieren die Herkunft und lagern die Samen getrocknet und tiefgekühlt ein.
Am Beispiel der Kornrade zeige ich dir, wie das abläuft und wie aus Samen wieder Pflanzen am Standort werden. Dazu kommt, was du im eigenen Garten tun kannst.
Warum seltene Blumen eine Saatgutbank brauchen
Eine Saatgutbank bewahrt Wildpflanzensamen außerhalb ihres natürlichen Standorts auf. Damit ergänzt sie den Schutz der Pflanzen dort, wo sie wachsen. Wichtig wird das bei Arten, die an ihren Wuchsorten zurückgehen. Die Ursachen unterscheiden sich von Art zu Art.
- Kornrade: Früher gelangten ihre Samen mit dem Wintergetreide ins Brotmehl, deshalb galt die Pflanze als gefürchtetes Ackerunkraut. Intensive Saatgutreinigung und Herbizideinsatz haben sie aus vielen Getreidefeldern verdrängt.
- Kornblume: Die Kornblume hat sich als Kulturfolger mit dem Getreideanbau verbreitet. Zu ihrem Rückgang in Äckern tragen starke Düngung, chemische Pflanzenschutzmittel und gründliche Saatgutreinigung bei.
- Frühlings-Adonisröschen: Das Adonisröschen reagiert empfindlich auf Beschattung. Wachsen Gehölze auf, kann es erst die Blüte einstellen und später verschwinden. Giftig ist es auch, denn sein Kraut enthält herzwirksame Steroidglykoside.
Rote Liste und Schutzstatus sind dabei zwei verschiedene Dinge. Die Kornrade steht in Kategorie 2 der Roten Liste Deutschlands, als besonders geschützt gilt sie aber nicht. Gefährdet heißt also nicht automatisch besonders geschützt.
Wie eine Saatgutbank Wildsamen sammelt und dokumentiert
Gesammelt wird am Wildstandort, und dort gelten Regeln. Für geschützte Pflanzen und für Sammlungen in Naturschutzgebieten braucht eine Saatgutbank eine behördliche Genehmigung. Die Dahlemer Saatgutbank entnimmt bei ihren Wildsammlungen höchstens 20 % der Samenmenge, die zum Erntezeitpunkt verfügbar ist. Der Rest bleibt am Standort.
Jede Sammlung erhält dort eine Akzessionsnummer. Über diese Nummer bleibt die Herkunft mit Fundort-, Standort- und Sammeldaten nachvollziehbar.
Warum diese Buchführung zählt, zeigt wieder die Kornrade. Bestände aus Gartenkultur und Blühmischungen lassen sich oft nicht sicher von ursprünglichen Ackervorkommen unterscheiden. Ohne dokumentierten Fundort ließe sich bei einer Kornradenprobe also oft nicht sagen, ob sie aus einem ursprünglichen Ackervorkommen stammt oder aus einer Blühmischung.
Im Kleinen halte ich es genauso: Auf jede Samentüte schreibe ich die Art, das Erntedatum und das Beet, aus dem die Samen stammen.
Trocknen, tiefkühlen, doppelt ablegen: So lagern Saatgutbanken
Vor dem Einlagern werden die Samen getrocknet. Das Zürcher Verfahren trocknet geeignete Samen auf etwa 5 % Wassergehalt. Anschließend lagern sie bei −20 °C. Die Zürcher Saatgutbank bewahrt außerdem Sicherheitsduplikate ihrer Akzessionen in einer anderen Saatgutbank auf, damit ein Verlust an einem Ort nicht die ganze Sammlung trifft.
Orthodox nennt man Samen, die das Austrocknen vertragen. Nur solche austrocknungsresistenten Samen eignen sich für die trockene Tiefkühllagerung. Bei manchen Arten ist das Lagerverhalten der Samen unsicher.
| Schritt | Beschriebenes Vorgehen | Wo |
|---|---|---|
| Sammeln | höchstens 20 % der zum Erntezeitpunkt verfügbaren Samenmenge | Dahlemer Saatgutbank |
| Dokumentieren | Akzessionsnummer mit Fundort-, Standort- und Sammeldaten | Dahlemer Saatgutbank |
| Trocknen | auf etwa 5 % Wassergehalt | Zürcher Verfahren |
| Lagern | bei −20 °C | Zürcher Verfahren |
| Absichern | Sicherheitsduplikate in einer anderen Saatgutbank | Zürcher Saatgutbank |
| Kryokonservierung | Gewebeproben in flüssigem StickstoffStickstoff (N) ist ein Hauptnährstoff der Pflanzen und vor allem für das Wachstum von Trieben und Blättern nötig. Er ist Baustein von Eiweiß und steckt im Erbgut und im Blattgrün (Chlorophyll). bei −196 °C | IPK |
Saatgutbank heißt flüssiger Stickstoff? Nicht unbedingt. Für Samen ist beim Zürcher Verfahren die Lagerung bei −20 °C nach dem Trocknen beschrieben. In flüssigem Stickstoff bei −196 °C lagert das IPK Gewebeproben, das ist die Kryokonservierung.
Ob eine Art für die trockene Tiefkühllagerung infrage kommt, hängt also an ihren Samen. Bei einigen bekannten Wild- und Gartenblumen sieht das so aus:
| Art | Lagerverhalten der Samen |
|---|---|
| Kornrade | orthodox |
| Kornblume | orthodox |
| Klatschmohn | orthodox |
| Wegwarte | orthodox |
| Gewöhnliche Nachtkerze | orthodox |
| Kranz-Lichtnelke | orthodox |
| Blauer Waldmeister | unsicher |
| Großblütiger Lein | unsicher |
| Wohlriechende Reseda | unsicher |
Bei der Kornrade passt das zusammen. Im Boden bleiben ihre Samen nur wenige Monate keimfähig, doch als orthodoxe Samen erfüllen sie die Grundbedingung der trockenen Tiefkühllagerung. Eine Saatgutbank kann für sie damit einen Vorrat halten, den der Ackerboden nicht lange hält.
Zurück an den Standort: Wiederansiedlung
Ein Beispiel ist das Projekt LIFE Trockenrasen. Dort werden gesammelte Samen im Botanischen Garten Potsdam angezogen und die Jungpflanzen an geeigneten Standorten ausgepflanzt. Vegetationserfassungen kontrollieren danach die Wiederansiedlungen.
Trockenrasen entstehen an vollsonnigen Standorten auf flachgründigen, trockenen und oft nährstoffarmen Böden. In Deutschland gehören sie zu den gesetzlich geschützten Biotopen nach dem Bundesnaturschutzgesetz. Offen hält sie extensive Beweidung, die das Aufkommen von Gehölzen begrenzt. Der Tritt der Weidetiere kann zusätzlich kleinflächige Rohbodenstellen schaffen.
Auf dem Schutzacker in Harsleben wurde Kornradensaatgut zur Wiederansiedlung ausgebracht. Eine solche Wiederansiedlung setzt eine langfristig extensive Nutzung der Ackerfläche voraus. Zugleich braucht die Kornrade regelmäßig bearbeitete Standorte mit vegetationsfreien Stellen, an denen ihre Samen aufkeimen können. Ein Schutzacker für sie darf also weder brachfallen noch intensiv bewirtschaftet werden.
Was du im Garten für seltene Blumen tun kannst
Rechne nicht damit, Saatgut direkt aus einer Saatgutbank zu bekommen. Die Dahlemer Saatgutbank zum Beispiel gibt kein Saatgut an Privatpersonen ab. Im Garten kannst du trotzdem einiges tun.
Gebietseigenes Saatgut wählen, eigene Samen aufheben
Bei Wildblumen zählt die Herkunft: Für gebietseigenes Saat- und Pflanzgut krautiger Arten ist Deutschland in 22 Ursprungsgebiete eingeteilt. Die Zertifikate VWW-Regiosaaten und RegioZert dienen als Herkunftsnachweis. Eigene Blumensamen erntest du bei trockenem Wetter, sobald sie ausgereift sind und sich leicht aus ihren Hüllen lösen. Vollständig nachgetrocknet kommen sie in beschrifteten Tüten trocken, kühl und dunkel ins Lager. Mehr dazu, wie du Wildblumen-Saatgut auswählst und Samen erntest, findest du im Wildblumen-Ratgeber.
Kornrade und andere Ackerblumen im Beet
Für gemeinsame Ansaaten auf offenen, bearbeiteten Flächen eignen sich Kornrade, Kornblume, Kamille und Mohn. Die Kornrade säe ich direkt ins Beet, 1 cm tief und nur leicht mit Erde bedeckt. Im Herbst gekeimte Pflanzen überwintern als bodennahe RosettenRosetten sind Blattanordnungen, bei denen die Blätter dicht gedrängt stehen und scheinbar alle an derselben Stelle entspringen, weil die Sprossachse, also der Stängel, stark gestaucht ist. Ein bekanntes Beispiel ist die Dachwurz.. An einem nährstoffarmen, gut durchlässigen Gartenstandort dünge ich sie nicht zusätzlich.
Ihre purpurrosa Blüten mit feinen dunklen Adern sind vor allem an Tagfalter angepasst und bieten ihnen Nektar. Rechne mit reicher Samenbildung und schneller Ausbreitung, und achte auf MehltauMehltau ist die Bezeichnung für Pilzkrankheiten, die einen weißlichen oder grauen Belag auf den Blättern bilden. Man unterscheidet Echten Mehltau, der bei Trockenheit und Hitze auftritt, und Falschen Mehltau, der bei kühlem, feuchtem Wetter auftritt.. Mit der Samenernte warte ich, bis die Kapseln vollständig trocken sind, denn erst dann öffnen sie sich.
Den Ackerblumenstreifen lege ich jedes Jahr neu an. Wo er in deine Beetfolge passt, kannst du mit dem Beetplaner auf deinen Beetflächen festlegen.
Die Kornrade gilt als giftig für Menschen, Vögel und Nutztiere. Setz sie als Zierpflanze an den Beetrand, nie als Futter- oder Nahrungspflanze.
Garten oder freie Natur
Ein Gebäuden zugeordneter Garten zählt grundsätzlich nicht zur freien Natur im Sinne von § 40 BNatSchG. Maßgeblich bleibt die tatsächliche Zuordnung der Fläche im Einzelfall. Auch extensiv genutzte Flächen innerhalb von Siedlungen können zur freien Natur gehören. Dann sind die Anforderungen an gebietseigene Pflanzenherkünfte im Einzelfall zu prüfen. Meine Kornraden bleiben deshalb im Beet, ihre Samen streue ich nicht auf Flächen außerhalb des Gartens.




