Die Witwenblume in der Kunstgeschichte: vom Kräuterbuch bis zum Porzellan
- Witwenblumen gehören zur Gattung Knautia, Skabiosen zur botanisch getrennten Gattung Scabiosa.
- Die Wiesen-Witwenblume wird 30 bis 80 cm hoch und trägt blauviolette Blüten.
- Holzschnitt, Kupferstich, Aquarell und Öl zeigen dieselbe Blume mit sehr unterschiedlichem Detailgrad.
- Für die Bestimmung auf einem Bild zählen die Pflanze selbst und der lateinische Name.
- Zum Zeichnen nach der Natur blüht Knautia macedonica 'Red Knight' von Juli bis September.

Du suchst eine Blume mit W und bist bei der Witwenblume gelandet? Dann schau zweimal hin, bevor du sie auf einem alten Bild zu erkennen glaubst. Witwenblumen gehören zur Gattung Knautia, Skabiosen zur Gattung Scabiosa, und beide Gattungen sind botanisch getrennt. Ich schaue bei jeder Pflanzenabbildung deshalb zuerst auf die Pflanze und lese erst danach die Beschriftung.
Wie eine Witwenblume im Kräuterbuch, im Stillleben, auf der botanischen Tafel oder auf einer Tasse aussieht, hängt an Epoche und Technik. Ein Holzschnitt zeigt andere Dinge als ein Aquarell, und ein Ölbild verfolgt ein anderes Ziel als eine Bestimmungstafel. Wenn du das weißt, kannst du einschätzen, wie viel Botanik in einem Bild steckt.
Witwenblume oder Skabiose: wen zeigt das Bild?
Die Wiesen-Witwenblume Knautia arvensis wird 30 bis 80 cm hoch und trägt blauviolette Blüten. Sie wächst auf frischen bis mäßig trockenen Wiesen und HalbtrockenrasenEin Halbtrockenrasen ist eine spezielle Form des Magerrasens auf ungedüngten Standorten. Er bleibt nur durch Mahd oder Beweidung offen, sonst würde dort Wald wachsen, und ist Lebensraum seltener Tier- und Pflanzenarten. und bevorzugt sonnige, trockene Plätze. Im Garten begegnet dir außerdem Knautia macedonica, etwa mit den Sorten ‘Red Knight’ und ‘Midget Mauves’. Die Wald-Witwenblume Knautia dipsacifolia im weiteren Sinn gilt dagegen als Halbschattenpflanze, die frische bis feuchte Böden anzeigt.
Zu den Skabiosen zählen unter anderem die Tauben-Skabiose Scabiosa columbaria und die Kaukasus-Skabiose. Die Übersicht stellt beide Gattungen nebeneinander.
| Pflanze | Gattung | Kennzeichen |
|---|---|---|
| Wiesen-Witwenblume (Knautia arvensis) | Knautia | 30 bis 80 cm hoch, blauviolette Blüten, Wiesen und Halbtrockenrasen |
| Knautia macedonica ‘Red Knight’ | Knautia | Blüte Juli bis September, trockenheitstolerant |
| Knautia macedonica ‘Midget Mauves’ | Knautia | mit Blüten etwa 40 cm hoch, blühende Topfpflanze |
| Wald-Witwenblume (Knautia dipsacifolia im weiteren Sinn) | Knautia | Halbschattenpflanze, Frische- bis Feuchtezeiger |
| Tauben-Skabiose ‘Butterfly Blue’ (Scabiosa columbaria) | Scabiosa | als Richtwert etwa 30 bis 40 cm hoch |
| Kaukasus-Skabiose | Scabiosa | als Richtwert etwa 60 bis 80 cm hoch |
Die Sorte ‘Butterfly Blue’ gehört zu Scabiosa columbaria und ist keine Knautia macedonica. Weil beide Gattungen getrennt sind, meint eine Bildbeschreibung mit Scabiosa oder einem Skabiosen-Sortennamen eine Skabiose, sofern die Beschriftung stimmt.
„Witwenblume ist nur der deutsche Name für Scabiosa.“ Das stimmt nicht. Witwenblumen gehören zu Knautia, Skabiosen zu Scabiosa, und das sind zwei botanisch getrennte Gattungen. Gartennamen decken sich ohnehin nicht immer mit einer Gattung: Der Name Sonnenhut steht zum Beispiel für Echinacea und für Rudbeckia.
Lies bei einer Abbildung zuerst den lateinischen Namen, dann den Sortennamen und zuletzt den deutschen Titel. Passen Wuchshöhe und Blütenfarbe zur Beschriftung, ist die Zuordnung plausibel. Passt etwas nicht, bleibt die Frage offen, und das ist bei alten Bildern ein ehrliches Ergebnis.
Lebensläufe, Gartennamen und Herkunft von Stauden ordnet das Kurzporträt im Ratgeber zu Stauden und Ziergräsern ein. Für den Blick auf Bilder genügen hier Gattung, Farbe und Wuchs.
Kräuterbücher der Renaissance: der Holzschnitt als Erkennungsbild
Die frühen gedruckten Kräuterbücher sollten Pflanzen erkennbar machen. Ihre Abbildungen entstanden meist als Holzschnitt. Der Holzschneider ließ die Linien stehen und schnitt die Flächen dazwischen weg. Weil der Holzschnitt wie der Buchsatz im Hochdruck arbeitet, ließen sich Bild und Text gemeinsam drucken.
Das Ergebnis sind klare Umrisse mit wenigen Zwischentönen, also vereinfachte, aber charakteristische Pflanzenbilder. Ein Beispiel für diese Tradition ist das Kräuterbuch von Leonhart Fuchs. Farbe kam, wenn überhaupt, später von Hand dazu.
Für die Witwenblume heißt das: Das Blauviolett der Wiesen-Witwenblume kannst du auf einem ungefärbten Holzschnitt nicht prüfen. Ich achte bei solchen Blättern deshalb auf Wuchsform und Blätter. Die Beschriftung lese ich mit der heutigen Trennung von Knautia und Scabiosa im Hinterkopf.
Niederländische Blumenstillleben: Ölmalerei und komponierte Sträuße
Im Goldenen Zeitalter der niederländischen Malerei wurde das Blumenstillleben zu einer eigenen Bildgattung. Für diese Tradition stehen Malerinnen und Maler wie Jan Davidsz de Heem und Rachel Ruysch. Ölfarbe trocknet langsam, deshalb lassen sich Übergänge weich vermalen und Oberflächen wie Samt, Tau oder Glas genau wiedergeben.
Die Sträuße auf diesen Bildern sind komponiert. Blumen, die im Garten nicht gleichzeitig blühen, stehen dort oft gemeinsam in einer Vase. Ob eine blauviolette Blüte am Rand eines solchen Straußes eine Witwenblume ist, klärt deshalb nur der Blick auf Form, Farbe und Wuchs.
Im anschließenden Rokoko wurden Blumenmotive leichter und verspielter und dienten oft als Dekor. Damit wanderten Blüten aus dem Gemälde auf Wände, Stoffe und Geschirr.
Botanische Illustration: Kupferstich, Lithografie und Aquarell
Mit der Aufklärung rückte die wissenschaftliche Genauigkeit in den Vordergrund. Botanische Tafeln zeigen eine Pflanze meist einzeln vor hellem Grund, oft mit Knospe, offener Blüte und Frucht auf einem Blatt. Für diese Arbeit stehen Namen wie Georg Dionysius Ehret und Pierre-Joseph Redouté.
Gedruckt wurden solche Tafeln zunächst als Kupferstich. Dabei gräbt der Stecher die Linien in eine Kupferplatte, sodass feinere Linien und dichtere Schraffuren möglich sind als im Holzschnitt. Später kam die Lithografie dazu, die vom Stein druckt und weichere, zeichnerische Übergänge erlaubt. Farbe brachten Aquarell und Gouache: Aquarell liegt lasierend und durchscheinend, Gouache deckt und setzt Lichter und feine Details.
Beim Hochdruck druckt, was erhaben stehen bleibt, so beim Holzschnitt. Beim Tiefdruck sitzt die Farbe in eingegrabenen Linien, so beim Kupferstich. Beim Flachdruck liegen druckende und freie Stellen auf einer Ebene, so bei der Lithografie.
Für die Bestimmung einer Witwenblume taugt eine botanische Tafel mehr als ein Stillleben. Sie trägt meist den wissenschaftlichen Namen und zeigt Merkmale, statt einen Strauß zu inszenieren. Ich vergleiche bei solchen Tafeln die Blütenfarbe und den Gattungsnamen mit der Übersicht weiter oben.
Romantik, Impressionismus und Jugendstil
In Romantik und viktorianischer Zeit gewann die Sprache der Blumen an Gewicht, und Blüten trugen in Bildern Botschaften. Wie du eine solche Botschaft vorsichtig liest, steht weiter unten bei der Bildsymbolik.
Die Impressionisten malten Licht und Stimmung statt botanischer Einzelheiten. Eine Witwenblume auf einer sommerlichen Wiese wird dort zum blauvioletten Farbtupfer. Ob Knautia oder Scabiosa gemeint ist, lässt ein solches Bild meist offen, und das ist auch nicht seine Absicht.
Der Jugendstil griff natürliche Formen auf und übersetzte sie in geschwungene Linien und Ornamente. Alphonse Mucha steht für diese Art, Pflanzen zu stilisieren. Eine Blüte wird dabei auf Umriss und Fläche reduziert, sodass die Gattung oft nur noch zu erahnen ist.
Moderne und Gegenwart: Abstraktion, Fotografie und digitale Bilder
In der abstrakten Kunst wird eine Blume auf ihre Grundformen reduziert, im Surrealismus taucht sie in traumhaften Szenen auf. Mit der Fotografie kam ein Medium, das die Pflanze ohne Zeichnerhand festhält. Makroaufnahmen zeigen Einzelheiten, die dem bloßen Auge entgehen.
Digitale Illustration und Mixed Media verbinden heute gezeichnete, gemalte und fotografierte Elemente. Die klassische botanische Illustration arbeitet trotzdem weiter. Zeitgenössische Illustratorinnen wie Rosie Sanders kombinieren traditionelle Techniken mit heutigen Ansätzen.
Welche Technik zeigt was?
Jede Technik legt fest, wie viel von der Pflanze im Bild ankommt. Die Übersicht hilft dir, ein Bild einzuordnen, bevor du es deutest.
| Technik | Typischer Ort | Was sie an einer Witwenblume zeigen kann |
|---|---|---|
| Holzschnitt | Kräuterbücher der Renaissance | Umriss, Wuchs und Blattform; Farbe nur bei Kolorierung von Hand |
| Kupferstich | botanische Tafelwerke | feine Linien und Schraffuren, Einzelheiten von Blüte und Blatt |
| Lithografie | spätere Tafelwerke und Bücher | weichere, zeichnerische Übergänge |
| Aquarell | botanische Illustration | durchscheinende Farbschichten, zarte Blütenfarbe |
| Gouache | botanische Illustration | deckende Details und Lichter |
| Öl | Blumenstillleben | Farbtiefe, weiche Übergänge, Oberflächen |
| Tempera | klassische Tafelmalerei | rasch trocknende, leuchtende Farbe |
| Fotografie und Makro | Moderne und Gegenwart | Einzelheiten, die das Auge übersieht |
| Digitale Illustration | Gegenwart | Bearbeitung und Mischung verschiedener Techniken |
Holzschnitt und Jugendstil-Ornament vereinfachen bewusst, deshalb bleibt die Gattung dort oft offen. Kupferstich, Lithografie und Aquarell in botanischen Tafeln liefern viele Merkmale, Öl im Stillleben vor allem Farbe und Stofflichkeit. Fotografie zeigt Einzelheiten genau, verrät ohne Beschriftung aber ebenfalls keinen Namen.
Bildsymbolik: was eine Witwenblume auf einem Gemälde bedeuten kann
In Blumenstillleben steht eine Blüte selten nur für sich. Verwelkende Blüten, abgefallene Blätter oder Insekten verweisen in vielen Bildern auf die Vergänglichkeit, das sogenannte Vanitas-Motiv. Der deutsche Name Witwenblume lädt dazu ein, auch sie als Zeichen der Trauer zu lesen.
Tragfähig wird eine solche Deutung erst, wenn das Bild sie stützt. Dazu gehört, dass überhaupt eine Witwenblume gemalt ist und dass andere Vergänglichkeitsmotive in dieselbe Richtung weisen. Ich notiere mir bei einem Bild deshalb zuerst, was zu sehen ist, und erst dann, was es bedeuten könnte.
Welche Bedeutung die Pflanze außerhalb der Bilder hatte, beschreibt der Ratgeber über die Witwenblume in Mythologie, Volkskunde und Bräuchen.
Angewandte Kunst: Stoff, Porzellan, Buch und Garten
Auf Stoffen wird aus einer Blüte ein Muster, das sich wiederholt. Dafür vereinfachen Entwerfer die Pflanze so weit, dass sie im Rapport ruhig wirkt und trotzdem erkennbar bleibt. In der Modeillustration setzen Blüten Akzente, ohne botanisch genau sein zu müssen.
Auf Keramik und Porzellan findest du Blumen handgemalt und als gedrucktes Dekor. Die gewölbte Fläche einer Tasse oder Vase verlangt eine Zeichnung, die auch verzerrt lesbar bleibt. In der heutigen Keramik erscheinen Blüten oft abstrahiert.
In Büchern reicht die Spanne von der Bestimmungstafel bis zur freien Illustration im Kinderbuch. Im Grafikdesign wird eine Blüte zum Zeichen, etwa in einem Logo, und verliert dabei die meisten botanischen Einzelheiten.
Auch ein Beet ist Gestaltung. Knautia macedonica eignet sich als Bestandteil einer Staudenmischung für sonnige, trockene Standorte, und ‘Red Knight’ gilt als trockenheitstolerant. Die Wiesen-Witwenblume wächst dagegen auf Wiesen und Halbtrockenrasen. Eine eigene Pflanzung kannst du im Beetplaner als Staudenbeet skizzieren.
Die Tradition der Witwenblume im Bauerngarten und ihre heutige Verwendung behandelt der Ratgeber über Witwenblumen zwischen Bauerngarten-Tradition und moderner Pflanzung.
Witwenblumen als Modell: selbst ziehen und nach der Natur zeichnen
Wer botanisch zeichnen will, braucht eine echte Pflanze als Vorlage. Ein eigenes Modell bekommst du, wenn du Knautia macedonica selbst ziehst. Thompson & Morgan beschreibt die Anzucht vom späten Winter bis zum frühen Sommer. Für ‘Red Knight’ ist eine VorkulturVorkultur heißt meist, dass du Gemüse im Haus oder geschützt aus Samen vorziehst und es später als abgehärtete Jungpflanze ins Freiland setzt. In Anbauplänen meint das Wort auch eine schnelle Kultur, die vor der Hauptkultur auf dem Beet steht. von März bis Mai angegeben.
| Schritt | Angabe |
|---|---|
| Vorkultur ‘Red Knight’ | März bis Mai |
| SaattiefeDie Saattiefe gibt an, wie dick die Erdschicht über einem Samenkorn nach der Aussaat ist. Als Faustregel bedeckst du einen Samen höchstens dreimal so dick mit Erde, wie das Korn selbst ist. (Thompson & Morgan) | 0,15 cm in Aussaaterde |
| Keimung (Thompson & Morgan) | 21 bis 24 °C, Keimdauer 10 bis 30 Tage |
| KeimtemperaturDie Keimtemperatur ist die Temperatur, bei der Samen keimen. Jede Pflanzenart hat dafür ein Minimum, ein Optimum und ein Maximum; unterhalb des Minimums keimt die Saat nicht. ‘Red Knight’ | 18 bis 22 °C |
| Feuchte | Aussaaterde feucht, aber nicht nass halten |
| PikierenPikieren heißt, dicht aufgelaufene Sämlinge zu vereinzeln: Du setzt die jungen Pflänzchen einzeln in kleine Töpfe, sobald sich in der Triebmitte die ersten Laubblätter zeigen, damit jedes genug Platz zum Wachsen hat. (Thompson & Morgan) | in 7,5 cm große Töpfe, sobald sich die SämlingeSämlinge sind junge Pflanzen, die durch Keimung aus dem Embryo eines Samens entstanden sind. Anders als Stecklinge oder veredelte Pflanzen gehen sie also aus einem Samen hervor. sicher handhaben lassen |
| Auspflanzen ‘Red Knight’ | ab dem Sommer |
| Blüte ‘Red Knight’ | Juli bis September |
Die Temperaturangaben unterscheiden sich je nach Anzuchtbeschreibung. Maßgeblich ist, was auf der Tüte deines Saatguts steht. Den Zeitplan für deine Stauden hast du mit dem Aussaatkalender für Stauden und Ziergräser zum Ausdrucken im Blick.
Die Sorte ‘Red Knight’ blüht von Juli bis September, und ein leichter RückschnittBeim Rückschnitt kürzt du Triebe oder Stängel einer Pflanze ein, bei Stauden oft bis knapp über den Boden. Je nach Zeitpunkt räumt er alte Stängel ab, regt eine Nachblüte an oder bremst das Aussamen. nach der ersten Blüte kann einen zweiten Blütenflor fördern. Für dein Zeichenprojekt heißt das: Mit dem Rückschnitt hast du eine Chance auf frische Vorlagen auch später im Sommer. Im Herbst wird die Sorte zurückgeschnitten.
Ohne Garten bleibt dir die Fensterbank. ‘Midget Mauves’ eignet sich als blühende Topfpflanze und wird mit Blüten etwa 40 cm hoch.
Für den Zeichentisch schneide ich Stiele morgens oder abends bei trockenem Wetter und stelle sie sofort kühl ins Wasser. Zur Erstversorgung kommen die Stiele für 2 Stunden bis unter die Blüten ins Wasser, an einen kühlen, schattigen Platz. Danach schneide ich die Stielenden mit einem scharfen Messer schräg nach und entferne alle Blätter, die ins Wasser ragen. Das saubere Glas steht nicht in praller Sonne, nicht in der Zugluft und nicht neben der Obstschale. Das Wasser erneuere ich regelmäßig.
Für eine Zeichnung schneide ich Stiele in verschiedenen Stadien, von der Knospe bis zur verblühten Blüte. Ich lege sie nebeneinander, wie es eine botanische Tafel tut, und gleiche die Blütenfarbe am Fenster bei Tageslicht ab.




