Löwenzahn: vom Heilkraut zum Gartenkraut – Kulturgeschichte, Anbau und Ernte
- Alle Teile des Löwenzahns sind essbar; üblich ist der Verzehr der grünen oder der gelb gebleichten Blätter, die Wurzel wird geröstet als koffeinfreier Kaffeeersatz genutzt.
- Gezüchteter Kultur-Löwenzahn hat weniger Bitterstoffe und mehr Blattmasse als die Wildform – das ist der eigentliche Schritt vom Unkraut zum Gemüse.
- Aussaat von März bis September als Lichtkeimer bei 15–20 °C, Keimdauer 14–28 Tage, 30 cm Reihenabstand und 10–30 cm in der Reihe; zusätzliche Düngung ist im Garten nicht nötig.
- Die zartesten Blätter liefert der Frühjahrsaustrieb vor der ersten Blüte; ab November lässt sich der Löwenzahn mit Wurzel im dunklen Keller treiben und über den Winter bleich ernten.
- Wildsammlung nur abseits stark befahrener Straßen und behandelter Feldränder – und nur, was du zweifelsfrei bestimmt hast.

Du mähst ihn im Rasen, hackst ihn aus der Beetkante und liest gleichzeitig, er sei ein Superfood. Beides passt schlecht zusammen, und genau darum geht es hier: Wie ein Wiesenkraut zur Apothekenpflanze, zum Notnahrungsmittel und schließlich zum Kulturgemüse mit eigener Sorte wurde – und was du davon heute im Garten nutzen kannst. Ich lasse in meinem Rasen jedes Jahr einen Streifen ungemäht stehen und ernte dort die ersten Blätter, bevor ich überhaupt ans Beet gehe.
Was der Löwenzahn ist – in drei Sätzen
Löwenzahn ist ein mehrjähriger KorbblütlerKorbblütler sind eine Pflanzenfamilie, zu der im Gemüsegarten unter anderem Kopfsalat, Endivie, Chicorée und Schwarzwurzel gehören. In der Fruchtfolge zählen sie zu den besonders gefährdeten Familien und sollten nicht zu häufig auf derselben Fläche stehen. aus den gemäßigten Zonen, bleibt mit 20–30 cm Höhe und Breite kompakt und blüht von Mai bis Oktober. Ob ein Kraut ein-, zwei- oder mehrjährigMehrjährige oder ausdauernde Pflanzen leben mehrere Jahre und überstehen den Winter mit Überdauerungsorganen, Speicherorganen oder ausgedehnten Wurzeln. Krautige Mehrjährige heißen Stauden, auch Zwiebel- und Knollenpflanzen gehören dazu. lebt und zur trocken-mediterranen oder zur frisch-feuchten Welt gehört, entscheidet über Platz, Gießen und Pflege – die Grundlagen dazu findest du in den Abschnitten zu den zwei Kräuter-Welten und den drei Lebensläufen der Kräuter. Alles Weitere zu dieser Art sammelt der Löwenzahn-Überblick.
Empfehlungen für den Garten
Aussaat und Vermehrung
- Saattiefe
Die Samen benötigen Licht zum Keimen.
Vom Wiesenkraut zum Nutzkraut: die Stationen
Der Name verrät die Apotheke
Der Artname officinale bedeutet „aus der Offizin”, der Apotheke. Er steckt in den Namen vieler Pflanzen, die über lange Zeit als Heilkräuter gehandelt wurden, und beim Löwenzahn ist er der älteste Hinweis auf seine Karriere: Bevor er im Rasen störte, stand er als Bitterkraut in der Volksheilkunde. Was heute über seine Inhaltsstoffe bekannt ist und wie die Forschung sie einordnet, liest du gesammelt in welche Inhaltsstoffe im Löwenzahn stecken und wie sie wissenschaftlich bewertet werden. Hier nur der Anriss: Löwenzahn enthält Bitterstoffe aus der Gruppe der Sesquiterpenlactone, außerdem Triterpenalkohole, Phenolglykoside, Flavonoide und Kohlenhydrate; in der Wurzel sitzt Inulin, ein aus Fructosebausteinen aufgebautes Kohlenhydrat. Bei Beschwerden ersetzt kein Kraut den ärztlichen Rat.
Volksnamen: Pusteblume, Butterblume, Kuhblume
Kaum eine Pflanze trägt so viele Namen. Pusteblume beschreibt den Fruchtstand mit seinen Flugsamen, Butterblume die Farbe, Kuhblume den Standort auf der Weide. Die Namen zeigen, dass der Löwenzahn nie unbekannt war – er war nur so allgegenwärtig, dass ihn niemand anbauen musste.
Notnahrung und Kaffeeersatz
In Zeiten, in denen frisches Grün im Frühjahr knapp war, kamen die jungen Rosettenblätter in den Salat. Die Wurzel wurde geröstet und ergab ein malzig schmeckendes, koffeinfreies Getränk, das als Kaffeeersatz diente. Beides ist keine Erfindung der Superfood-Jahre, sondern Küche aus dem Mangel heraus – und beides funktioniert heute genauso.
Der Schritt zum Gemüse: Bleichen und Züchten
Zwei Handgriffe machten aus dem herben Wiesenkraut ein Gemüse. Der erste ist alte Gartentechnik: Wer den Löwenzahn vor der Ernte vor Licht schützt, bekommt bleiche, mildere Blätter – im Hausgarten reicht dafür ein umgedrehter Topf über der Rosette, im Winter der Keller (dazu unten mehr). Der zweite Schritt ist die Züchtung: Gezüchteter Löwenzahn hat einen geringeren Bitterstoffanteil und mehr Blattmasse als die Wildform. Mit Kultursorten wie ‘Lyonell’ steht der Löwenzahn heute neben Salat und Spinat im Saatgutregal.
„Löwenzahn schlägt Karotte und Spinat bei den Nährstoffen.” Solche Vergleichszahlen kursieren überall. Belegt ist, dass Löwenzahn ein essbares Kraut mit Bitterstoffen, Flavonoiden und Inulin in der Wurzel ist – das genügt als Grund, ihn zu ernten, ohne ihn zum Wunder zu erklären.
Löwenzahn im Garten anbauen
Wer Löwenzahn gezielt säen will, gewinnt zweierlei: milde Kulturblätter statt herber Wildware und die Kontrolle über den Standort. Die Kultursorte ‘Lyonell’ wünscht sich einen tiefgründigen, nährstoffreichen Lehmboden. Zusätzliche Düngung braucht Kultur-Löwenzahn im Garten nicht.
Aussaat von März bis September. Löwenzahn ist LichtkeimerLichtkeimer sind Pflanzen, deren Samen zum Keimen Licht brauchen. Bei der Aussaat werden sie deshalb nur angedrückt und nicht mit Erde bedeckt; ob eine Art dazugehört, steht meist auf der Samentüte.: 0–1 cm tief säen, also oberflächennah und höchstens dünn bedeckt. Er keimt bei 15–20 °C in 14–28 Tagen. ReihensaatReihensaat ist eine Saatweise, bei der die Samen in flache, gerade Rillen gesät werden, sodass die Pflanzen später in Reihen stehen. Gegenüber der Breitsaat, bei der die Samen flächig ausgestreut werden, erleichtert sie die Pflege. mit 30 cm Reihenabstand, in der Reihe 10–30 cm Platz je Pflanze; rechne mit einer Kulturdauer von 28–70 Tagen.
Ich säe in flache Rillen, drücke die Samen nur an und kontrolliere beim Gießen, ob die Rille feucht bleibt – Saatgut darf während und nach der Keimung nicht austrocknen. Den passenden Termin für deine Region liest du im Aussaatkalender für Löwenzahn ab.
Bei der Nachbarschaft gelten Estragon, Ringelblume, Kamille, Parakresse und Süßkraut als unverträgliche Partner. MischkulturMischkultur bedeutet, dass verschiedene Gemüsearten nebeneinander auf einem Beet wachsen. So nutzt du die Fläche besser aus, und der Boden bleibt während der Saison weitgehend bedeckt. unterstützt, sie garantiert nichts – mit dem Mischkultur-Werkzeug prüfst du deine Beetkombination im Ganzen.
Löwenzahn blüht von Mai bis Oktober und verteilt seine Flugsamen weit. Wer ihn im Beet halten will, schneidet die BlütenständeEin Blütenstand (botanisch: Infloreszenz) ist der Teil einer Pflanze, an dem sich der Spross verzweigt und mehrere Blüten trägt. Je nach Bauweise unterscheidet man zum Beispiel Traube, Ähre, Dolde, Köpfchen und Rispe. ab, bevor sie zur Pusteblume werden. Lass trotzdem einen Teil deiner Kräuter bis zur Blüte stehen – blütenbesuchende Insekten nutzen sie als Nahrungsquelle.
Ernten: Blätter, Blüten, Wurzeln
Blätter – zart nur im Frühjahr
Die besten Blätter liefert der Frühjahrsaustrieb, geerntet vor der ersten Blüte. Später im Jahr werden die Blätter immer bitterer. Ich schneide die RosettenRosetten sind Blattanordnungen, bei denen die Blätter dicht gedrängt stehen und scheinbar alle an derselben Stelle entspringen, weil die Sprossachse, also der Stängel, stark gestaucht ist. Ein bekanntes Beispiel ist die Dachwurz. im zeitigen Frühjahr und probiere vorher ein Blatt, weil ich am Geschmack merke, wie herb der Bestand gerade steht.
Willst du milde Blätter außerhalb dieses Fensters, hilft das Bleichen: die Pflanze einige Tage vor der Ernte vor Licht schützen. Üblich ist der Verzehr der grünen oder der gelben, gebleichten Blätter.
Die Winterbleiche im Keller
Für gebleichte Winterernte gräbst du Löwenzahnpflanzen ab November mit Wurzel aus, schlägst sie senkrecht in feuchten Sand ein und treibst sie im dunklen Keller. Die bleichen Blätter erntest du über den Winter. Das ist dieselbe Idee, mit der der Löwenzahn einst vom Wiesenkraut zum Gemüse wurde – nur eben bei dir im Keller.
Blüten und Wurzeln
Alle Teile der Pflanze sind essbar. Die Blüten hast du von Mai bis Oktober; sie werden traditionell zu Sirup und Gelee verkocht und schmücken frisch Salate. Die Wurzeln sind das Ausgangsmaterial für den gerösteten Kaffeeersatz und tragen das Inulin.
Beim Wildsammeln zählt der Ort. Löwenzahn von stark befahrenen Straßen verzehrst du nicht; an Feldrändern ist mit Pflanzenschutzmittel-Kontamination zu rechnen. Achte auf Verwechslungen und ernte nur, was du zweifelsfrei bestimmt hast – im Zweifel bleibt die Pflanze stehen. Löwenzahn ist ein Korbblütler, und bei Korbblütlern sind Kreuzreaktionen bekannt; wer eine Allergie vermutet, klärt das ärztlich ab.
Wie du ein anderes heimisches Wildkraut erkennst, sammelst und verarbeitest, zeigt dir der Ratgeber zum Löffelkraut als würzigem Wildkraut für die Küche.
In der Küche: kurz angerissen
Junge Blätter kommen roh in den Salat oder werden gedünstet; die Wurzel wird geröstet und gemahlen zum koffeinfreien Getränk. Für Tee aus Blättern oder Wurzelstücken gießt du mit sprudelnd kochendem Wasser auf, lässt ihn mindestens fünf Minuten ziehen – so werden in seltenen Fällen vorhandene Keime abgetötet, was besonders für Säuglinge, kleine Kinder und Kranke zählt – und trinkst ihn frisch, statt ihn mehrere Stunden stehen zu lassen, weil hitzeresistente Sporen das Aufbrühen überstehen können.
Setzt du Blüten oder Blätter in Öl an, gilt die Botulismus-Linie: Unter Luftabschluss können sich in selbst angesetzten Öl-Zubereitungen Botulinumtoxine bilden. Nichts auf Vorrat ansetzen, im Kühlschrank aufbewahren, spätestens am Tag nach der Herstellung verbrauchen. Konkrete Gerichte, Mengen und Techniken findest du in den Rezepten und Zubereitungstipps für Löwenzahn.
Trocknen und aufbewahren
Blätter, Blüten und zerteilte Wurzeln trocknest du wie andere Kräuter: im Backofen bei etwa 40 bis 50 °C mit einen Spalt breit geöffneter Tür oder an einem geschützten Ort mit mindestens 30 °C, etwa auf dem Speicher. Fertig sind luftgetrocknete Blätter, wenn sie beim Anfassen rascheln. Lagere alles luftdicht, lichtgeschützt und trocken, prüfe verschlossene Gefäße regelmäßig auf Schimmel und verbrauche getrocknete Kräuter am besten innerhalb von 12 Monaten – danach lassen Geschmack und Aroma nach.
Ich trockne die Wurzelstücke getrennt von den Blättern und beschrifte jedes Glas mit Pflanzenteil und Datum. Beim Öffnen rieche ich jedes Mal kurz hinein und sortiere aus, was muffig wirkt.
Löwenzahn in Kosmetik und Körperpflege
Blüten und Blätter des Löwenzahns werden traditionell für Ölauszüge, Bäder und Auflagen genutzt. Für selbst gemachte Pflege zählen frische Zutaten, saubere Behälter sowie hygienisches Herstellen und Benutzen. Wasserarme oder wasserfreie Zubereitungen wie ein Ölauszug entziehen Mikroorganismen eine wichtige Lebensgrundlage; wässrige Mischungen wie eine Blütenmaske rührst du frisch an. Stelle kleine Mengen her und verbrauche sie zügig, entnimm aus Tiegeln mit Spatel oder Wattestäbchen, und alles, was Geruch, Aussehen oder Konsistenz verändert hat, kommt weg. Auch natürliche Pflanzenextrakte können Allergien auslösen – neue Zubereitungen testest du an einer kleinen Hautstelle. Ölauszüge für die Haut bleiben im Bad und nicht in der Küche.
Symbol und Alltag
Der Löwenzahn wächst durch Pflasterfugen, kommt nach dem Mähen wieder und schickt seine Samen mit dem Wind auf die Reise. Genau deshalb steht er in Bildern, Gedichten und Kinderspielen für Ausdauer und Vergänglichkeit zugleich – die gelbe Blüte am Morgen, die Pusteblume wenige Tage später. Für dich als Gärtnerin oder Gärtner ist er beides: die Pflanze, die du aus der Beetkante ziehst, und das Gemüse, das du eine Reihe weiter säst. Dass sich das nicht widerspricht, ist die eigentliche Geschichte vom Unkraut zum Nutzkraut.
Suche im Rasen die Stelle mit den kräftigsten Rosetten, stelle einen Topf darüber und probiere in einigen Tagen die gebleichten Blätter. Schmeckt es dir, säst du im nächsten Fenster eine Reihe Kultur-Löwenzahn mit 30 cm Reihenabstand ins Beet.



